Wie fängt man einen Bericht an, der über drei Monate lang anhalten soll? Ich könnte darüber philosophieren wie unglaublich privilegiert ich bin (bin ich). Diese Gedanken verschwinden aber schnell, wenn man im Hostel Menschen erzählen hört, dass sie gleich ganze Jahre (!) durch die Welt reisen und bei ihnen erst im Frühjahr des nächsten Jahres Schluss ist.

Nein, fangen wir einfach bei Land 1/9 meiner dreimonatigen Südamerika-Reise an:
Kolumbien. Das fünftgrößte Land Südamerikas hat verdammt viel zu bieten. In Deutschland noch immer gerne mit Drogen und Pablo Escobar verbunden, hat sich das Land in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Von Karibik, Pazifik, Dschungel, Küstenlandschaften und Bergen bis hin zu Bogotá und Medellín bietet es alles, was das lateinamerikanische Herz sich zu wünschen vermag – und mir damit keinen allzu schlechten Start beschert.

Die meisten europäischen Flüge enden in Bogotá. Zu bester Uhrzeit bezogen wir unser Domizil auf 2600 Metern über dem Meeresspiegel. Damit liegt die Hauptstadt auf Platz 7 der höchstgelegenen Großstädte und ist für manchen eine Umstellung. Also direkt rein ins Vergnügen und am Anreisetag den Länderpunkt machen:

Internacional de Bogota 1:1 Deportivo Pasto, 27.08.2026, Estadio Metropolitano ~ 1000 Zuschauer

Vorab versprach mir der Medienvertreter von Internacional Freikarten, die dann jedoch nie verschickt wurden. Damit gibt es kein Extrasternchen für das erst 2025 unter diesem Namen gestartete Projekt, sondern eher Kritik: Kaum mehr als 1000 Zuschauer sammelten sich am Abend im Estadio, um dem nach der Übernahme von La Equidad durch eine nordamerikanische Investorengruppe neu benannten Klub zuzusehen. Gut, eine Barra mit durchgehender musikalischer Begleitung gab es zwar ebenfalls – wie spontan diese allerdings zusammenkam, ist mir ein Rätsel, mindestens fragwürdig.

Da ich mir also ein eigenes Ticket kaufen musste (ohne Probleme im Onlineshop), war die günstigste Option auf der Gegengerade, wo überraschenderweise auch um die 30 Gästefans anwesend sein durften. Von denen kam bis auf Schlachtrufe noch weniger, aber sympathisch waren sie und ich musste gleich mehrmals den Fotograf spielen.

Das Spiel war ausgeglichen und zeigte gleich die Qualitäten und Mängel des kolumbianischen Fußballs auf. Gute Technik, beeindruckende Athletik waren viel zu sehen, gerade gegen Ende war es taktisch sehr wild und würde nicht nur italienische Trainer im Dreieck springen lassen.

Also ein friedliches Unentschieden, nun in der Dunkelheit schnell ins Hostel. Hier entschied ich mich aus Kostengründen für ein Mototaxi, das erste Mal für mich als Großstadtkind, denn Kolumbien ist im Wandel der Zeit (und wegen der vielen Amerikaner ) teuer geworden. Da ist eine halbe Stunde Moto für 3€ attraktiv, auch wenn der Körper maximal angespannt war. Zu Unrecht natürlich, aber an einer roten Ampel sprang uns ein Wahnsinniger an und wir mussten ihn knapp umkurven.

Die allgemeinen Sicherheitshinweise sind hier durchaus ernst zu nehmen und nachts würde ich immer Uber (oder Cabify und Co) nehmen.

Am ersten Tag folgte eine Stadttour durchs Viertel ,,La Candelaria“. Das Zentrum und Tourhotspot zugleich ist architektonisch gar nicht mal so beeindruckend (dafür die vielen Graffitis); leider wurde vieles bei Bürgerunruhen gegen das ,, konservative Gutbürgertum“ angezündet und verbrannt. Solch eine Stadtgeschichte ist mal interessant.

Das Highlight der Stadt ist eine Wanderung hoch auf den Berg Monserrate. Insbesondere bei den Einheimischen als Sporteinheit beliebt, kann man hier in etwa 45 Minuten hinaufwandern und von oben den Ausblick auf die Stadt genießen. Zu diesem Sportevent traf ich meine Online Sprachlehrerin, eine sehr nette junge Dame. Zwar immer etwas spät dran, aber wann, wenn nicht in Südamerika, wird es Zeit, die deutsche Spießbürgerlichkeit abzulegen. Alles gelingt irgendwie und es kommt wie es kommt.
Oben kann sowohl einfach als auch gehoben gegessen werden und entgegen meiner Routine entschieden sich die Begleiterinnen für Zweiteres. Zwar gab es hier unbekannte Amazonasfruchtgetränke (schon mal von Corozo, Camu Camu oder Arazá gehört?), aber für Plastikstuhl Essen wird es noch genug Möglichkeiten geben. 😉
Der Gipfelbereich liegt mit 3150 Metern nochmal knapp 500 m höher als die Stadt selbst und ist damit nicht für jeden Körper sofort der ideale Ort. Auch mental vielleicht nicht, weil sich um den Berg ein Mythos rankt. Angeblich trennen sich hier viele Paare und deswegen hört man auf dem Wanderweg besonders oft traurige Musik.
In der Stadt gibt es überraschend viele Museen, auch recht kostengünstig, die aber für mich selten eine Alternative darstellen. Weil es jedoch regnete und sonntags das berühmte Museo de Oro (Goldmuseum) gratis ist, kann man das beliebte Edelmetall mal bewundern. Das dachte sich die gesamte Stadt, sodass es ordentlich voll gewesen ist. Echtes Edelmetall wird übrigens in vielerlei Läden oder offen aus der Jackentasche angeboten.

FC Millonarios 0:0 Internacional de Bogotá, 30.08.2026, Estadio El Campin ~ 21.582 Zuschauer

Nun abends also wieder Fußball, zum ersten Mal mit richtigen Barras bei einem der traditionsreichsten und beliebtesten Vereine Kolumbiens.
Das Stadion ist auch im tristen Ligalltag meistens recht voll, auch heute wirkte es deutlich voller als die offiziell angegebene Zahl.
Interessanterweise gibt es zwei Gruppierungen auf der Nord- und Südseite des Stadions: Comandos Azules und Blue Rain. Erstere Gruppe entstand in den 90ern nach internen Konflikten als Abspaltung von Blue Rains. Anfangs noch auf derselben Tribüne, besitzen nun beide Barras ihre eigenen Bereiche.
Dies sind die einzigen Stehblöcke, aber auch die große Masse der Gegengerade steht lieber.
Die Nordseite zeigte zwei größere Vereinswappen und anschließend noch eine ansehnliche Blockfahne. Viel beeindruckender fand ich die Massen an Bannern im gesamten Stadion. Selbst kleine Familien oder Einzelpersonen hatten ihr eigenes Banner dabei – das sieht schon toll aus.
Die Stimmung war durchaus solide, gerade wenn die Gegengerade entschied, sich einem Block gesanglich anzuschließen. Das Spiel gab bis auf einen kurzen Moment eines Abseitstores leider nichts her, sodass ein Stimmungsauslöser fehlte. Vielleicht waren die Gedanken auch schon beim Derby der nächsten Woche, dem ich zeitlich leider nicht beiwohnen konnte.

Das ruhige Minca und gegensätzliche Medellín

Die nächsten drei Tage wurden in Minca, einem kleinen Ort in den Bergen an der Küste Kolumbiens, oberhalb von Santa Marta, verbracht. Hier liegt die Sierra Nevada de Santa Marta, die höchste Küstengebirgskette der Welt. Wieder etwas gelernt – von unserem Taxifahrer, der ansonsten durchgehend über Uber schimpfte, uns aber immerhin auch ohne Uber einen fairen Preis anbot.
Da unsere Unterkunft jedoch nicht direkt im Ort lag, sondern nochmal etwas höher und wir uns fälschlicherweise gegen eine Motorradfahrt (Autos schaffen es bergauf nicht) entschieden hatten, gab es eine einstündige Workout-Einheit, die es in sich hatte. Bei Regen und Steigungen von bis zu 20 % war die Entspannung der nächsten Tage notwendig.
Die Aussicht und die Sonnenuntergänge waren hier phänomenal – eindrucksvolle Farben von Rot und Lila am Abend bis hin zu einem surrealen Schauspiel aus Regen und Wolken über den Bergen, das einen am Morgen erwartete. Und wem das nicht genug ist, der könnte hier weitere Wanderungen unternehmen

Touri-Highlights und zweite kolumbianische Liga

Leones FC 0:3 Atlético FC , 04.09.2026, Medellín, Estadio Metropolitano Itagüí, ~ 250 Zuschauer

Nach drei Tagen auf der Hängematte ging es in die zweite Metropole Kolumbiens, Medellín. Die Stadt gilt als Hotspot für Expats und insbesondere im ,, schönen “ Stadtteil Poblado wimmelt es nur so von Ausländern und Touris. Unsereins bezog seine Herberge aus Sicherheitsgründen auch in diesem Stadtteil, umso unwohler fühlte ich mich die nächsten vier Tage hier.
An Aktivitäten stehen in Medellín insbesondere Touren im Vordergrund. Die Guides sowie Stadtvertreter suchen dabei durchaus verzweifelt nach anderen Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt, da sich zur Hochsaison alles in 2-3 Gegenden konzentriert und diese entsprechend zusammenbrechen.
Die Comuna 13, eines der ehemals gefährlichsten Barrios (Viertel) Südamerikas und natürlich eine ,,Pablo-Escobar“-Tour sind empfehlenswert, um etwas über die blutige Vergangenheit der Stadt und des Landes zu erfahren. Das Grab von El Patrón zu besuchen, ist etwas makaber, dennoch wird es gepflegt (ein Pfleger wird dafür auf Lebenszeit bezahlt) und noch heute beten Menschen am Grab des Drogenkönigs und wollen ihm die letzte Ehre erweisen.
Nach einer weiteren Ganztagestour nach Guatapé, hier werden 740 Stufen bergauf deine Knie weiter ruiniert, stand wieder Fußball an.

Kein Atlético Nacional, dem Rekordmeister, dessen Stadionbesuch leider sogar auf GetYourGuide und Co. beworben wird, sondern zweite Liga.
Tickets online konnte ich nicht finden (angeblich über irgendeine App), also ging es mit dem schicken Ausweis ins Stadion. Am Eingang wusste man nicht so recht etwas mit mir anzufangen, also schickte man mich praktisch direkt auf das Spielfeld. Nett für ein Foto, aber sitzen wollte ich eigentlich schon. Doch auf die Tribüne ließ mich der Security vorerst nicht. Schließlich führte ich mit dem Pressesprecher ein nettes Gespräch – so gut es mir nach einer Woche Aufenthalt überhaupt auf Spanisch möglich war. Er konnte kaum glauben, dass ich als freier Journalist hier auftauchte, aber brachte mich schlussendlich an den Spielerkabinen vorbei doch auf die begehrte Tribüne. Na geht doch, daraufhin gönnte ich mir salzige Mangos als Snack und genoss die Aussicht auf die Außenbezirke Medellins. Das Spiel gab schlussendlich nicht viel her, in Weltklassemanier vergab Itagüí Großchancen und wurde dreimal eiskalt ausgekontert. Nach Spielende versäumte ich es, ein Mototaxi zu nehmen und saß für acht Kilometer mehr als eine Stunde im Verkehr. Der Verkehr sollte noch in der einen oder anderen Stadt absolut loco (verrückt) werden..

Abseits des Fußballs und der Tagestouren soll man hier gut feiern können, nicht umsonst leben hier viele ,,Nomaden“ aus Europa. Ist der Wandel weg vom gefährlichen Image des Landes hin zu einem modernen, offenen und sicheren Land also gelungen? Als Einheimischer und Tourist kann man sich mittlerweile recht frei und unbeschwert bewegen. Es gibt im Land jedoch immer noch Konflikte, eine Woche nach unserer Abreise gab es z.B. ,, Aufstände in Santa Marta“. In den Großstädten wurde und wird viel in Sicherheit und Infrastruktur investiert. Die beliebten Viertel ähneln europäischen Metropolen sehr – auch bei den gestiegenen Kosten. So ließ ich z.B. vollkommen erschrocken und desillusioniert 15€ für eine Pizza liegen. Lassen wir das lieber und auf ins nächste Land – Ecuador.

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