Wusstet ihr, dass Moldawien das am wenigsten besuchte Reiseziel Europas ist?
Ich wusste das vor der Buchung zugegebenermaßen schon – zumindest, dass es ungefähr auf einer Stufe mit Lichtenstein steht. Und gerade dieser Gegensatz – vom unbeliebtesten Land Europas später direkt weiter zu einem der beliebtesten – war ein zusätzlicher Motivationsschub für die Reise. Nichtsdestotrotz freute ich mich sehr auf das erste Ziel der 7-tägigen Reise. Chişinău hat für mich als alte Sowjet-Stadt eine spezielle Mischung aus Ranzigkeit und historischer Bedeutung.
Mit FlyOne wurde ein neuer Airline-Punkt gesammelt, im Flugpreis und Ausstattung auf einem Niveau mit Ryanair (aber: Wasser 0,3 für 2€ in der Luft!). So standen wir zügig am kleinen Hauptstadtflughafen, der für seine 500.000 Einwohner erstaunlich übersichtlich ist. Die Preise sind bei Ankunft bereits erfrischend billig, 30min Taxi kosten etwa 7-10€ und unser Zimmerchen im Hostel gab es für 14€ pro Person. Da leuchten die Augen und nicht nur die: Die Außenbezirke präsentieren sich mit riesigen sowjetischen Wohnbunkeranlagen, während die Hauptstraßen erstaunlich gefällig und sauber wirken. Es ist keine auf Touristen ausgelegte Stadt und genau das macht sie authentisch. Im Kettenrestaurant Placinte um die Ecke gab es Vor- und Hauptspeise incl. Getränk für 12,50€. Preislich fantastisch, konnte der Geschmack, etwa die moldawische Blätterteig Spezialität Placinte, ebenso überzeugen. Etwas irritierend und Auslöser für Nervosität, sorgte am Nachmittag die Information meines Reisepartners, dass es eventuell kleine Probleme beim Einlass unseres heutigen Spiels geben könnte.
Moldawien 0:2 Italien – 13.11.2025, 21:45 – Stadion Zimbru, 9500 Zuschauer (~1000 Gäste)
Tickets gab es online zu erwerben, allerdings nur unter Angabe einer moldawischen Mobilnummer. ,,Nur Moldauer sollen Zugang zum Spiel erhalten“, war die simple Antwort auf unsere Anfrage. Die Nummer gibt es, danke an den Hinweis, in der heutigen Zeit online leicht zu erwerben. Problematisch allerdings, dass jene auf dem Ticket laut Instagram Verbandsseite am Einlass dann nochmal überprüft werden sollte. Die Nervosität stieg mit jeder näheren Minute an, am Stadion durften wir zuerst einen kompletten Rundgang drehen, bevor wir den Eingang fanden. Und – natürlich völlig unproblematisch. Kurzes einfaches Abtasten, kein besonderer Blick aufs Ticket, also keine personalisierte Kontrolle und wir waren drin. Erleichtert im Stadion wurde sich das frühe Treiben der Moldawier angesehen und erfreut ein warmes Getränk zu sich genommen. Den Glühwein gab es netterweise für alle gratis, sodass sich der Körper vor den anstehenden späten kalten Temperaturen noch etwas aufwärmen durfte. Toll! Überragend ist auch der Ground. Ja, das Stadion kennt wahrscheinlich so gut wie jeder, aber die Aussicht ist überragend, sagen wir idyllisch. Um das Stadion herum einer der alten ewig hohen Ostblock-Wohnanlagen, auf dessen Wandseite ein Graffiti, besser ein Kunstobjekt angebracht ist.
Sportlich hieß es Underdog gegen haushohen Favoriten, deshalb auch ein fast ausverkauftes Stadion. Das bestimmt 1000 Italiener den Weg gefunden hatten, war dennoch etwas überraschend. Im ,,Oberrang“ (ganze vier Reihen) des Gästeanhanges wurde die Stimmung erzeugt und auch das ein oder andere Banner gegen Repressionen gezeigt. Auf dem Feld gab es das erwartbare Bild eines leidenschaftlich kämpfenden Heimteams gegen die italienische Übermacht. Jene hatte in HZ 1 durchaus ihre Szenen, aber wirklich zwingend war das alles nicht. Erst in der späten zweiten Halbzeit gelang der Auswärtstreffer. Vorher wurde dann doch der italienische Druck erhöht und an der Anzahl der Chancen gedreht. Aber auch Moldawien stand einmal komplett frei vorm Tor und vergab kläglich. Der Favorit siegte minimalistisch und hatte so noch leichte Hoffnung, Norwegen durch einen Kantersieg (9:0 haha) vom ersten WM-Qualifikationsplatz zu verdrängen. Im Rückspiel gewann Norwegen 4:1 in Italien und legte die Hoffnungen für die direkte Qualifikation auf Eis.
Am folgenden freien Fußballtag wurde die doch an Sehenswürdigkeiten arme Stadt etwas erkundet. Nicht falsch verstehen, der Mix aus Ranzigkeit und sowjetischen Überbleibseln hat seinen Reiz und wird durch einige Grünanlagen ergänzt. Der Stadtkern wirkt sehr aufgeräumt und sauber und die Parks sind bei richtigem Wetter durchaus eine angenehme Möglichkeit Zeitüberbrückung. Am späten Nachmittag hieß es leider wieder Abschied zu nehmen, ich ärgere mich wirklich den zweistündigen Ausflug nach Transnistrien auf einen späteren Zeitpunkt verschieben zu müssen und unser kleiner Trip ging weiter.
Nächste Halt Athen, Griechenland. Vom grauen Sowjet-Charme in die warme Antike
Die Ankunft war spät und verhinderte das wir noch ordentlich dinieren konnten. Umso besser schmeckte der abendliche Souvlaki des einzigen offenen Imbisses unseres Stadtteils. Der freie Samstagvormittag wurde selbstverständlich genutzt, das Pantheon bzw. die Akropolis zu besichtigen. Tickets sollten, auch in der Nebensaison einen Tag vorher oder online gekauft werden. Die hohen 30€ für ein Tickets schrecken hier niemanden ab, aber dieses Weltkulturerbe möchte jeder ja gesehen haben. Mit journalistischem Auge betrachteten wir das Areal: Mehr als 2030 Jahre alt und immer noch nicht fertig war unser erster humoristischer Gedanke, als wir den ersten Blick auf die Akropolis erhaschen durften – leider ist ein Teil derzeit mit Baugerüsten versehen – die Restaurierungsarbeiten gehen kontinuierlich weiter. Bei angenehmen 22 Grad im sonst so kalten November unserer Breiten – wurden Ausblick und die historischen Bauwerke genossen, ehe wir nach einem Blick auf die Uhr kurz vor knapp zum nächsten Spiel aufbrechen mussten.
Akropolis Besuch November – Blick auf das Pantheon“
Akropolis auf die Stadt
AEK Athen (W) 2:1 Panathinaikos Athen (W) – 15.11.2025 – Gipedo Podosferou Agion Anargiron ~ 1000 Zuschauer
Die Wege innerhalb der Hauptstadt sind weit und so kamen wir gerade so beim Frauenderby am Ground an. Es ist bekannt, ich bin selten begeistert hiervon, aber umso erfreuter als die einzige Tribüne gut gefüllt war und der gelbe AEK Mob unter dem Dach doch eine sehr gute Lautstärke erzeugte. 1,2 Rauchbomben dazu, wurde 90 Minuten durchgehend supportet und der eine oder andere Ohrwurm angestimmt. Sicherlich etwas ausgelassener und friedlicher als bei den Herren, war das Spiel dennoch von allen 22 Spielerinnen emotional geführt. Natürlich waren einige ,,Überraschungen“ und absurde ,,Fehler“ dabei, die Nummer 9 der Heimmannschaft, Despoina Chatzinikolaou, ausnahmsweise namentlich genannt, überraschte und überragte mit so einigen technischen Leckerbissen. Da staunte selbst ich und natürlich war es in der Nachspielzeit dann eben jene Dame, die einen feinen Chip in den Rücken der Abwehr spielte und den erfolgreichen Torabschluss bejubelte. Dass die Stürmerin dabei höchstwahrscheinlich 1-2 Meter im Abseits stand, wir standen zur Beurteilung schließlich auf Abwehrhöhe, geschenkt, kein VAR, dafür pure Emotionen.
Stimmung + Aussicht
Mehr als es aussieht!
Sichtlich zufrieden, es sollte ja abends noch weitergehen im Programm, durfte die ersehnte griechische Küche am Nachmittag getestet werden. Nicht so preiswert wie Moldau, aber ein geschmacklich tolles Erlebnis. Trotz maximaler Sättigung gab es noch eine vom Haus spendierte Nachspeise und so fielen wir mehr als geschafft ins Bett.
Griechenland 3:2 Schottland – 15.11.2025, 21:45, Piräus – WM-Qualifikation – 18.405 Zuschauer (~4500 Schotten)
Aufgrund der massenhaften weg geputzten Kalorien war die Motivation schwierig zu mobilisieren, aber das eigentlich Tageshighlight sollte noch folgen.
Das Stadion war überraschend leer, für Griechenland ging es um nichts, für Schottland dagegen um fast alles. Kein Wunder das Tausende den Weg nach Griechenland antraten, sie waren omnipräsent in Ihren Kleidern und Trikots im Stadtkern und auf der Akropolis, lauerten sie noch auf Platz 1 der Dänen. Die lautstarke Motivation der Fans schien auf dem Spielfeld nicht auf die Mannschaft überzuschwappen, denn die Griechen waren es, die wie die Feuerwehr loslegten. Die Jungen Außenspieler kombinierten sich mehrmals sehenswert durch die Abwehrreihen hindurch und zeigten eine Spielgeschwindigkeit, die Robertson (Abwehrstarspieler von Schottland) und Co schwindelig lassen ließ. Das 1:0, bejubelt von einer doch schwachen Zuschauerzahl, davon viele Klassen und Kinder) war für die Gäste schmeichelhaft, auch wenn kurz vor Halbzeitpfiff der erste Schuss das Lattenkreuz zappeln ließ. Die doch wenigen Griechen wurden bei den starken Aktionen dann doch Mal laut, zumindest durch Klatschen und Hellas“ Rufen, mehr war aber auch nicht drin.
Die Schotten kamen mit viel Wind aus der Pause und hatten nun ein deutliches Plus an Ballbesitz und dennoch kassierten sie Gentor 2 und 3 und nach 65 Minuten drohte der Ofen aus zu sein. Doch plötzlich entbrannte Jubel im still gewordenen Gästeblock. Weißrussland hatte doch tatsächlich sein Spiel gedreht und war völlig überraschend in Führung gegangen. Die Stimmung war trotz des 0:3 am Höhepunkt angelangt und plötzlich waren es die Bravehearts die spielerisch nochmal einen Zahn zu legten und ihren ersten Treffer zeitnah erzielten. Fortan war es nur noch ein Spiel auf ein Tor und es ist dem Halbgriechen Vlachodimos zu verdanken, dass nur noch ein Treffer fiel und er auch den letzten freien Abschluss in der 95 Minute glamourös hielt. In übrigen, eine Woche später besiegte Schottland Zuhause Dänemark mit 4:2 und qualifizierte sich trotz der Niederlage in Athen für die WM 2026. Jetzt erklärt sich auch der so große Jubel über das Unentschieden Dänemarks gegen Belarus in der Metro…
Vom grauen Ostblock-Charme Moldawiens zu den touristischen Massen auf der Akropolis. Ein kaum zu toppender Kontrast der die folgenden Tage nochmal maximal gereizt und ausgeweitet werden sollte. Am nächsten Tag ging die wilde Reise nämlich weiter – nach Pakistan – Hier ist der Bericht.









