Am Samstag wurde dann, wie soll es auch anders sein, zusammen mit anderen Hoppern, die knapp zweistündige Busreise weiter von Dublin in Richtung Belfast angetreten. Da das Spiel schon um 14:00 Uhr angesetzt worden war und wir vorher noch nicht unsere Unterkunft betreten durften, wurde schnell über Stasher ein Gepäckort gebucht. Ob es auch Schließfächer am Bahnhof gibt, kann ich nicht beurteilen, die App ist auf jeden Fall eine verlässliche Alternative.

Nach der Abgabe ging es zu Fuß zum Stadion. Belfast ist recht kompakt und alles ist zu Fuß auch erreichbar. Das Wetter ist hier typisch britisch (jetzt richtig!) sehr wechselhaft, sorgte dann aber für einen netten Herbst Spaziergang. Vorbei unter anderem an der sehr hübschen Universität, für mich gar schöner, als die beeindruckende Universität in Dublin, beides also sehr sehenswert.

Samstag, 14.10.2023, 14:00 Uhr, Windsor-Park Belfast, 17886 (10 Gäste), EM Qualifikation, Nordirland 3:0 San-Marino

Das 1905 erbaute alte Stadion liegt mitten in einem älteren Wohngebiet und wenn man hinter den Häusern auf eine kleine Brücke geht, erblickt man auf einmal das Stadion. Bei Einlass erhielten wir eine Reklame für den nächsten örtlichen Gottesdienst, einmalig, erhält man sonst maximal Werbung des Hauptsponsors oder wenn es gut läuft, Faninformationen. Das Land ist schon etwas besonders, dazu später nochmal mehr. Im Stadion ist man erst unter den Tribünen, wo sich genüsslich das Bier und schmierige Fraß zu Gemüte geführt wird. Auf unseren Platz kam dann meine positive Überraschung, so erinnerte ich mich nicht mehr an die Ticketbeschaffung (online sehr leicht erhältlich unter ticketmaster.ie), saßen wir in Reihe vier fast direkt am Spielfeldrand. Das kleine Stadion war auch ausverkauft und verbesserte meine Laune in ein unerwartetes Hoch.

Wenn der Gegner San-Marino heißt, darf man keine hohen Erwartungen besitzen. Nordirland zeigte seine Dominanz und erzielte schnell zwei Tore, ließ es danach jedoch zu Ende trudeln. Die Gäste spielen größtenteils in der vierten oder gar fünften italienischen Liga und haben auch gegen die eher schwächeren Teams aus Europa keine Chance. Die Atmosphäre war durchaus angenehm, so wurden die kurzen Fangesänge doch von einer größeren Menge öfter mit eingestimmt. Britischer Stadiongesang, so selten er auch ist, ist einfach deutlich geiler, als das Standard-Repertoire von europäischen Ultra-Gruppierungen. Nordirland gewann also bei weiterhin sehr wechselhaften Wetter mühelos mit 3:0 gegen tapfere Gäste. Nach dem Spiel wurde lokal gegessen und die Unterkunft aufgesucht. Für touristische Zwecke hatten wir mit dem Sonn- und Montag noch etwas Zeit.   

Sonntag meldeten wir uns zu einer dreistündigen politischen Walking-Tour durch Belfast an. Der Kostenfaktor war mit 25 € hoch, am Ende aber gut angelegtes Geld für den eigenen Horizont. Den Nordirland-Konflikt werde und kann ich hier nicht wiedergeben, nur so viel sei kurz geschrieben: Der Nordirland-Konflikt brach 1969 gewalttätig aus und „endete“ auf dem Papier 1998 mit dem Karfreitagsabkommen. Einige tausend Menschen starben, weil sie sich für eine Seite entscheiden mussten. Auf der einen Seite die Irischen Republikaner (auch Nationalisten und Katholiken), die für eine gemeinsame, vereinigte, Insel Irland stehen und damit mit den Status Quo (Also der Teilung Irlands in Irland und Nordirland und der Zugehörigkeit Nordirlands zum Vereinigten Königreich Großbritannien) brechen möchten und auf der anderen Seite die Unionisten (auch Protestanten, Loyalisten, zumeist Nachkommen englischer/schottischer Einwanderer), die den Status Quo beibehalten möchten und keine Vereinigung Irlands anstreben.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen wurden wie oben erwähnt mit dem Karfreitagsabkommen beendet und ein Waffenstillstand vereinbart, allerdings lodert der gesamte Konflikt bis heute immer noch in Belfast. Die Tour zeigt durch eine Teilung der Führung auf, dass es bis heute noch zwei Communitys gibt, die gar durch Mauern und „Grenzen“, die nachts abgeschlossen werden, getrennt sind. Die Erzählungen sind wahrscheinlich gerade deshalb so gut und einprägsam, weil die republikanische Seite von einem Iren und die unionistische Seite von einem Unionisten erzählt wird. Beide Führer versuchen natürlich auf Ihre Weise die Menschen durch Erzählungen der Grausamkeiten der Gegenseite moralisch auf ihre Seite zu ziehen. Der irische ,,Führer“ war schlussendlich deutlich schlechter wahrzunehmen, teilweise gar nicht, zu verstehen, das britische Englisch war verständlicher und dadurch emotional greifbarer.  Beide Seiten sind grausam gewesen, als Außenstehender ist es für mich unmöglich, sich auf eine Seite zu stellen.

Nach den zu verdauenden Geschichten ging es am Montag in das nicht weniger geschichtsträchtige Titanic-Museum. Das größte (zu dem Zeitpunkt) Passagier-Schiff der Welt wurde in Belfast gebaut und ist von dort auf seinen langen Weg aufgebrochen. Ich denke der Besuch gehört bei einem Belfast-Aufenthalt für jeden dazu.

Zum Abschluss ging es noch zu einem Konzert der Arctic Monkeys, bestimmt ganz nett, wenn man nicht Wochen vorher (wahrscheinlich) einen Hörsturz hatte, aber was tut man nicht alles, um auch die Freundin bei solchem einem Trip zufrieden zu stellen? Im Vergleich der beiden Städte ist Belfast für mich noch ursprünglicher und bodenständiger. Dublin ist wesentlich größer, internationaler und touristischer geprägt und daher für mich etwas weniger sympathisch als Belfast. So war dieser letzte Trip des Jahres kulturell und geschichtlich geprägt und vielleicht dadurch ein entspannter Gegensatz zu anderen Kurztrips, wo das Hopperschwein praktisch nur zwischen Flughafen, Hotel und dem Stadion wandelt.  

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