Ein kompletter Tag sollte für die Anreise draufgehen. 4 Stunden nach Sharjah (nah an Dubai), Vereinigte Arabische Emirate, war die erste anstrengende Etappe. Vor zwei Wochen in Kenia einen absoluten Kulturschock erlebt, hieß es jetzt erneut einen neuen, unbekannten Fleck auf dieser schönen Erde kennenzulernen. Dieses Anders beginnt in der Region schon beim Start des Fluges. Mit Allahu Akbar über die Bordlautsprecher hebt man hier ab, um eine sichere Reise zu ,,gewährleisten“. Ungewohnt, aber das darf es hier auch gerne sein, schließlich ist es fernab von der Heimat.

Das korrupte Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Wir sollten schnell lernen, warum diese Frage nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Die ersten beiden Länder (Bericht hier) waren für sich betrachtet toll, allerdings für uns doch mittlerweile eher Routine als Anstrengung oder Herausforderung. Jetzt stieg die Nervosität rapide an. Genau eine Woche zuvor gab es den ersten Anschlag seit zig Jahren in der Hauptstadt mit mehreren Toten. Ansonsten sind kleinere Kriegsschauspiele meistens nur an den Grenzen zu Afghanistan und Indien zu verorten. Internationale Flüge landen in Islamabad grundsätzlich immer nachts. Entsprechend kamen auch wir ziemlich gerädert am Zoll an. Am Zoll wie so häufig eine lange Schlange, also schielte das Auge nach rechts, wo sich ein Europäer (der einzige andere) an einen anderen Schalter, E-Visa, stellte. Das dreimonatige E-Visum erhält man übrigens online super einfach und unkompliziert innerhalb von 24 Stunden. Wir stellten uns hinter dem Mann und er stellte sich für uns als Glücksfall heraus. Deutscher Expat, der mittlerweile für eine pakistanisches Unternehmen arbeitet und so den halben Flughafen per Namen kennt. Netterweise kamen wir so in fünf Minuten durch den Zoll und – als wäre das nicht genug gewesen – organisierte er auch noch das nun gemeinsame Taxi und brachte uns bis an die Tür unserer Unterkunft. Nicht der schlechteste Start oder?

Nach kurzen vier bis fünf Stunden Schlaf hieß es unsere direkte Umgebung im F10-4 zu erkunden. Islamabad ist eine Planstadt aus den 70ern und ziemlich quadratisch aufgebaut. Wohnanlagen wurden außen herum um eine ,,Einkaufsmeile“ pro Viertel herumgebaut, dazu riesige Parkanlagen die die Stadt ziemlich grün erscheinen lassen. Ein Negativpunkt ist, dass alles auf Autos ausgelegt ist. Bis auf die Einkaufsstraßen ist nichts fußläufig erreichbar und alle sind auf mindestens zwei Räder angewiesen. Für uns als Touristen kein Problem, denn Taxis (App Empfehlung: InDrive, nur Bargeld!) kosten nichts. Eine halbe Stunde Fahrt kostet weniger als fünf Euro – da fragt man sich schon, was bei den Fahrern noch herausspringt.

Das Leben in den Meilen füllt sich meistens erst am späten Nachmittag, so waren wir zur Mittagszeit fast die Einzigen. Geld abheben soll nur an sehr wenigen Banken funktionieren, daher nehmt genug Geld zum Wechseln mit. Die Wechselstuben sind an strenge behördliche Auflagen gebunden und bieten daher einen sehr fairen Kurs an. Der Reisepass und auch das (ausgedruckte) Visum sollte in Pakistan immer mit sich geführt werden, da wird öfter nachgefragt. Kartenzahlung funktioniert in größeren Geschäften ganz gut, bei den kleineren und Märkten ist nur Cash gefragt. Wir irrten also ein paar Stunden herum und es hieß zwei der großen Touristenspots abzuhaken. Islamabad ist keine Touristenstadt und außer in den Botschaften sind keine Europäer anzutreffen, ihr fallt also jederzeit auf.

Daman-e-Koh ist ein kleiner Park mit Aussichtsplattform auf die Planstadt. Wir waren zum Sonnenuntergang da und hatten so einen wunderschönen Ausblick – auch viele Einheimische fahren diesen Weg öfter hoch und lassen sich von allen Seiten fotografieren. Ebenfalls fotogen – Hunderte freilebende Affen im Park, die den Einheimischen ihre Snacks klauen. Ja, moralisch fragwürdig (Annäherung an den Menschen). Lustig, wenn kleine Affen Lebensmittel in einem fairen 1vs1 Kampf erbeuten? Auch ja.  

 Ebenfalls schön in der Abenddämmerung und nicht weit entfernt ist das Pakistan Monument. Es ist ein blütenformiges Nationaldenkmal, dass die Einheit der Gesellschaft Pakistans symbolisch mit vier ,,Blättern“ der Provinzen darstellt. Diese Blätter sind innen mit weiteren u.a. Städten beschriftet und abends beleuchtet, sodass eine ganz süße Stimmung entsteht. Das letzte Highlight, die große Moschee ist ebenfalls nicht weit entfernt, dazu aber am letzten Tag mehr. Übrigens einen anderen westlichen Touristen hatten wir doch noch getroffen, einen akzentfreien Deutsch-Brasilianer aus dem viral gegangenen ,,Social-Media“ Dorf Blumenau, in Brasilien, witzig.

Am Abend kontaktierte uns der Expat und wir gingen im afghanischen Restaurant ,,Kabul“ köstlich dinieren. 35€ für einen vollen Tisch für drei Personen waren sehr preiswert. Die Rechnung übernahm unser ,,Gastgeber“ am Ende auch noch. Kartenzahlung war hier übrigens nicht möglich, denn aufgrund der schwierigen politischen Situation der afghanischen Minderheit besteht hier jederzeit die Angst vor einer Abschiebung.

Dienstag sollte der große Sporttag werden, auf den wir schlussendlich seit Wochen hin fieberten. Ticket- und Presseanfragen wurden im Vorfeld nicht beantwortet und ein Online-Kauf war nur mit pakistanischer Pass-Nummer möglich. Angst vor der Meldung eines ausverkauften Hauses hatten wir jedoch nicht.

Pakistan 0:5 Syrien – 18.11.2025, 14:00 Uhr – Pakistan, Islamabad, Jinnah Stadium – 7.124 Zuschauer (geschätzt 3500)

Vor Ort gestaltete sich die Suche dann leichter und schneller als gedacht. Für ganze 500 Rupien (1,52 €) gab uns ein junger Mann aus seiner Bauchtasche heraus die Harttickets und wir durften das Stadiongelände betreten. Die Kontrolle war recht mau, vor allem im krassen Gegensatz zum Erlebten beim Cricket einige Stunden später. Tickets werden hier bei der Kontrolle zerrissen – hätten wir erahnen müssen – doch eine kurze Nachfrage beim Security und die nächsten beiden kontrollierten Karten wurden uns im Ganzen übergeben. Die Syrer, gerade aufgrund der vielen migrantischen Spieler aus Europa, waren haushoher Favorit – und auch bereits qualifiziert für den AFC-Cup – dominierten das Spiel von Minute 1 an und zeigten im Grunde keine Schwächen. In der ersten Halbzeit kämpften die Pakistaner dagegen noch erbittert an, konnten jedoch selbst den verdienten Ehrentreffer nicht erzielen. Es gab einen kleinen Pakistanermob, der jedoch mehr Stimmung vor als während des Spiels machte.

Knallartige Geräusche kamen ab/an von außerhalb bei uns an und sorgten für leichtes Stirnrunzeln, ließen sich im Nachhinein aber durch einen Schieß- und Übungsstand erklären. Waffen sind im Alltag und auf den Straßen jederzeit nahbar, meist aber im Kontext privater oder offizieller Sicherheitsdienste. Manche von Ihnen lassen ihre Maschinengewehre auch so fahrlässig am Körper baumeln, dass man kurz vergisst, wie ernst diese starke Bewaffnung eigentlich ist. Noch kurz zurück zum Spiel – Besonders bemerkenswert war die Atmosphäre im weiten Rund nicht – Lustig und laut war es vor allem dann, wenn es nette Spielzüge gab – Egal auf welcher Seite – es wurde geraunt und lautstark abgefeiert.

Cricket – Tri Nations Series – Pakistan – Zimbabwe

Wie das so nach Eventende überall so ist, gibt es danach auf den wenigen Verbindungsstraßen ein ordentliches Verkehrschaos. Eigentlich kein Problem, doch jetzt sollte es so schnell wie möglich nach Rawalpindi (auch der Islamabad Flughafen befindet sich dort) gehen.

Nach einiger Zeit gelang es uns ein Taxi zu finden und wir erreichten das Cricket Stadion in der nicht weit entfernten Nachbarsstadt. Diese wirkt übrigens deutlich chaotischer und „realer“ als die doch so anders wirkende Hauptstadt. Diesmal – im Gegensatz zum Fussball – gab es einen Ticketschalter direkt vorm Eingang und wir konnten uns zwei VIP-Karten für 1000 Rupien (3€) besorgen. Die Sicherheitskräfte, Polizei und das Militär vor Ort waren bei unserem (westlichen) Anblick stark verwundert und unsicher, wie sie mit uns verfahren sollten. Erst ging es direkt ohne Tickets ans Gate und dann wieder zurück an das Ende der Schlange. Nach fünf Minuten wurden wir doch nach ganz vorne geschoben, um unsere Tickets zu kaufen.

Kaum wurde ich einmal abgetastet, gab es beim Reisepartner ein Problem. Aufgrund seiner AirPods durfte er die erste Kontrolle nicht passieren. Ausdiskutieren mit dem Chef half nicht, mehr bekam ich dann nicht mit, weil mich direkt drei Pakistaner abfingen, um weiter ins Stadion Innere zu gelangen. Bis auf das viele Händeschütteln und Selfies kam aufgrund der Sprachbarriere – auch wenn Englisch zweite Amtssprache ist, kaum eine Konversation zustande. Schade eigentlich, denn der Weg durch vier weitere Kontrollen stellte sich doch als lang da. Im richtigen Block angekommen, stand mein Reisepartner auf einmal wieder vor mir. Überraschung! Die AirPods ließ er verständlicherweise nicht abgeben, dafür sammelte ihn ein Militär/Polizeibeamter am 1. Eingang ein – Hinweis AirPods in die Schuhe – und begleitete ihn wieder mit vielen Händeschütteln durch die folgenden Gates. Trinkgeld (nennt man das dann Bestechung?) gab es am Ende nicht, aber im Zuge der Aufregung denkt man daran wirklich nicht.

Cricket war, ist und wird auch zukünftig nicht meine Sportart werden. Ähnlich an Baseball erinnert sind die Netto-Spielzeiten von bis zu drei Stunden viel zu lang und es passiert zu wenig auf dem Spielfeld. Anfangs war das Stadion sehr wenig befüllt – fast schon enttäuschend für diesen Nationalsport – so wurde es gegen Ende etwas voller und die vier Tausend Zuschauer sahen einen knappen Sieg ihrer Pakistan-Stars (7. In der Weltrangliste). Zugegeben, ganz bis zum Ende blieben wir nicht, aber der Länderpunkt sollte doch zählen. Unsere VIP-Tickets hatten im Übrigen keine großen Extras, klar die Sicht war sehr gut, etwa im Gegensatz zu meinen drei Freunden vom Eingang (,,Oh, you have very good tickets“), aber ansonsten war nicht viel anders. Die Verkäufer von Essen und Trinken kommen zu jedem einzelnen Platz und einer gab sogar (als Gäste) Pommes aus. Das Stadion wurde – im Gegensatz zum Fussball – gegen Spielende immer voller, doch gegen 21 Uhr entschieden wir uns den Rückweg anzutreten und verpassten so den knappen Heimsieg der Pakistaner.

Als westlicher Tourist in Pakistan

Am letzten Tag – gleichzeitig am Abend der Abreisetag – wurde noch die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt besichtigt. Die Faisal-Moschee wurde in gemeinsamer Freundschaft zwischen Saudi-Arabien und Pakistan erbaut, so trägt sie auch den Namen des damaligen Königs Faisal bin Abd al-Aziz. Das Design gilt als einzigartig, ist für mich jedoch architektonisch kein Schmuckkästchen. Umso überzeugender ist die Aussicht – auf der einen Seite auf die Stadt und auf der anderen Seite auf die Berglandschaft – den Margalla Hügeln. Das Besondere hier ist die Menschlichkeit: Scheinbar wird die Moschee auch von vielen inländischen Touristen besucht und dadurch fallen wir als Westeuropäer stark auf. Etliches Händeschütteln, Selfies und sogar ein ,,Video-Interview“ durfte ich geben und mitteilen und beschreiben wie toll Pakistan/Islamabad ist.

Beim ersten Mal ist das wirklich lustig und ich habe alles mitgespielt – ich kann mir jedoch vorstellen das dies irgendwann nervig werden könnte. Dennoch, die Menschen waren uns gegenüber fast durchgängig sympathisch und offen. Am letzten Abend ging mein Reisepartner noch zum lokalen Friseur und auch dort wurde ich vor der Tür beim Warten angequatscht. Die Menschen sind (soweit es ihre Englisch-Skills zulassen) an einem interessiert und freuen sich darüber, dass man in deren Stadt und Straßen verweilt. Ja – wir sind Männer und haben auch nur mit demselben Geschlecht reden können, aber als Tourist wird man hier gut behandelt. Ich habe mich trotz allgegenwärtiger Waffen immer sicher gefühlt und kann zumindest Islamabad, als pakistanische Vorzeigestadt uneingeschränkt für den ersten Eindruck weiterempfehlen. Islamabad ist nicht Pakistan – aber ein einfaches freundliches Tor zum Rest des Landes – Für die Berge, Lahore oder Karachi möchte ich wiederkommen!

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