Spiel 7 Deportivo Municipal – Sporting Cristal 0:3 – 03.09.2022, 13:00 – Z: ca. 3000 – Estadio Ivan Elias Moreno – Primera Division
Mit dem Flugzeug ging es per Direktflug von Quito nach Lima. Nach dem sich am Ankunftstag ein bisschen die Innenstadt angeschaut wurde – kann man machen, ist ganz nett – sollte einen Tag später der Länderpunkt fallen. Die Entscheidung, welches Spiel ich mir anschauen könnte, wurde mir relativ einfach gemacht, da das oben genannte Spiel das einzige Erstliga Spiel an dem Tag in der Gegend war. Wobei in der Gegend eigentlich schon wieder falsch war. Das Stadion lag 25 km außerhalb, was bedeutet, schon wieder fast eine Stunde mit dem Uber fahren zu müssen. Als ich im Hostel mal nach der Gegend gefragt hatte, lachte der Besitzer nur und meinte, ich sollte keine Wertsachen mitnehmen und gut auf mich aufpassen. Gute Voraussetzungen also. Naja, das Ticket wurde ohne Problem im Internet für ca. 8€ gekauft und los ging es. Als ich dann im sehr günstigen Uber Richtung Stadion saß, wurde mir klar was der Hostelchef meinte. Das Stadion war einfach in einem Slum. Häuser ohne Dächer, staubige Straßen, kein einziger Tourist. Ich habe mich selten so fehl am Platz gefühlt wie da. Als ich aus dem Uber Ausstieg wurde ich direkt komisch angeschaut und von Verkäufern belagert. Die Gelegenheit wurde natürlich zum Schal Kauf genutzt und die Verkäufer waren zufrieden. Danach ging es ab ins Stadion, da war es für mich zumindest halbwegs sicher.
Das Stadion war eine runtergekommene Bruchbude, die sich nahtlos ins runtergekommene Slum Bild einpasste. Verständlich, dass laut der Futbology App erst 16 andere Groundhopper neben mir dieses Stadion besuchten haben, in dieser Gegend möchte man einfach wirklich nicht sein. Dazu kam noch, dass ich dummerweise meinen Gürtel mitgenommen hatte. Anfängerfehler… Der musste vor dem Stadion erstmal abgenommen und versteckt werden, nach Abpfiff war er zum Glück noch da. Im Stadion selbst durfte ich dann Fußball in seiner reinsten Form erleben. Einfache Menschen inklusive der Banda del Basurero, die für Stimmung sorgen, machten es zu einem sehr hitzigen Spiel. Ungefähr 3000 Zuschauer hatten den Weg ins Stadion gefunden. Davon waren rund 1/3 Fans von Sporting Cristal, die auch gut für Stimmung sorgten. Endlich mal ein Spiel mit Gästefans. Cristal konnte mit einem Sieg die Tabellenführung übernehmen, während Municipal im unteren Mittelfeld rumdümpelte. Leider war das Spiel dementsprechend einseitig und Cristal konnte einen ungefährdeten 0:3 Auswärtssieg einfahren. Municipal verstolperte dabei einige 100%ige, was das Publikum aufstöhnen ließ. Die Barra ließ sich vom Spielverlauf aber nicht die Stimmung vermiesen und supportete munter weiter. Nach Abpfiff wurde dann direkt ein Uber gerufen, welches nach 15 sich ewig anfühlend Minuten dann auch kam. Also rein ins Auto und raus aus der Gegend zurück zum Hostel. Noch mal gut gegangen, eine wirklich spannende Erfahrung. Das Stadion mit dem Umfeld ist schon irgendwie ganz geil. Einfach Fußball wie er sein soll, ohne Kommerz und Schnickschnack. Am nächsten Morgen sollte es dann auch direkt weitergehen.
Spiel 8 Allianza Lima – Club Universitario de Deportes 0:2 – 04.09.2022, 15:30 – Estadio Alejandro Villanueva Z: ca. 45.000 – Primera Division
Nach dem abenteuerlichen Spiel gestern sollte nun das bisherige Highlight dieser Tour folgen. Das Clásico Peruano zwischen Allianza und Universitario. Das wichtigste Spiel im peruanischen Fußball. Einziges Problem dabei: es ist gleichzeitig das beliebteste, sodass es mir vor dem Spiel nicht möglich war, an ein Ticket zu kommen. Beim freien Vorverkauf waren alle Tickets nach 10 Minuten weg und ich auf Position 15.000 der Warteschlange. Und dass, obwohl ich zeitig auf der Webseite war, deren Ticketsystem ist ungefähr genauso scheiße wie das alte vom HSV… Über den freien Verkauf ging also nichts, nächster Versuch Presseausweis. Aber auch da gab es eine Absage, da sich zu viele beworben hatten und mein Medium leider nicht ausgewählt wurde. Eine Frechheit wie ich finde, wie kann man einem deutschen Medium absagen? Unerhört. Wie dem auch sei, ich hatte also kein Ticket und nur eine einzige Möglichkeit: den Schwarzmarkt vor dem Spiel. Der Hostelchef meinte noch zu mir, dass ich aufpassen muss mit gefälschten Tickets, aber das war mir klar. Nachdem sich vormittags noch das schöne Viertel Miraflores angeschaut wurde, ging es zu Fuß zum Stadion. Das würde ich im Nachhinein nicht unbedingt weiterempfehlen, da die Gegend nicht die Beste ist und ich von ein paar Leuten auch komisch angesprochen wurde. Passiert ist zum Glück aber nichts.
Vor Ort tauchte ein weiteres Problem auf: die Tickets waren personalisiert und wurden am Eingang auch streng kontrolliert. Ich brauchte also jemanden, der mir sein Ticket überschreibt. Es wurden zwar an jeder Ecke Tickets verkauft, jedoch ohne Überschreibung und zu unfassbar frechen Preisen. Die Rettung für mich war eine Frau, die mit ihrer Tochter noch 4 Tickets zum Verkauf hatte. Der Preis war auch hier zwar fast das 3 fache des Originalpreises, aber was macht man nicht alles, um bei diesem Spiel dabei zu sein. Man ist ja eventuell nur einmal vor Ort, da muss man das nutzen. Mein Name und meine Passnummer wurden also durchgegeben und per kleinen digitalen Drucker hatte ich 5 Minuten später ein Ticket mit meinem Namen in der Hand, war aber ca. 75€ ärmer. Der Schwarzmarkt hier ist definitiv im 21 Jahrhundert angekommen und ich habe große Augen gemacht, als ich den Drucker sah. Über den Preis kann man jetzt streiten, ich bin damit noch relativ günstig weggekommen, die Tickets wurden teilweise mit Preisen von weit über 100€ verkauft. Hier konnte ich mit zumindest sicher sein, dass das Ticket keine Fälschung war, und ich save ins Stadion komme. Das mindeste für den Preis. Hierbei ging dann alles gut, in weiser Voraussicht wurde ein Gürtel gar nicht erst mitgenommen und somit gab es auch keine Probleme beim Einlass. 1 1/2 Stunden vor Anpfiff war ich also im Stadion, welches schon brechend voll war. Vor dem Stadion gab es auch ein paar erfolgreiche Blockstürme, sodass einige ohne Tickets reingekommen sind, dementsprechend war das Stadion brechend voll. Offiziell passen 40.000 rein, heute würde ich aber auf mindestens 45.000 Zuschauer schätzen. Ich konnte so grade noch einen Sitzplatz ergattern (freie Platzwahl), welcher aber nur in der Pause genutzt wurde. Das komplette Stadion stand sonst das ganze Spiel über. Schon weit vor Anpfiff war die Stimmung überragend. Die Barra marschierte mit Pauken und Trompeten ein, die Stimmung war am Kochen. Einziger Wermutstrophen: es gab keine Gästefans, aber das hatte ich bei so einem Hochrisikospiel auch nicht anders erwartet. Beim Einlauf wurde im kompletten Stadion kontrolliert Rauchtöpfe gezündet, es gab ein Chaos Intro mit Papierschnipseln und Luftballons. die Stimmung war hervorragend.

Genau das hatte ich mir erhofft. Auch das Spiel wusste zu gefallen, Chancen auf beiden Seiten und ein unfassbares rumgehacke. Die Qualität war zwar nicht gut, dafür war das Spiel umso emotionaler. So ging es Leistungsgerecht nach 45 Minuten mit einem 0:0 in die Kabine. Zur zweiten Halbzeit gab es dann die kalte Dusche für Allianza. 0:1 nach einer Ecke. Das stachelte die Fans aber nur noch mehr an, die nun alles nach vorne brüllten, um ihre Mannschaft zum Torerfolg zu führen. Diese vergab jedoch ihre Chancen kläglich, was natürlich bestraft wurde. Kurz vor Schluss gab es einen Elfmeter für Universitario – 0:2. Das Stadion verstummte zum ersten Mal für einen kurzen Moment, fing sich dann aber wieder, da ein Spieler von Universitario wegen provozieren Gelb-Rot sah. Glatt Rot sah dann auch noch der Gästetrainer, es war allerhand Spektakel geboten. Dann kam der Moment: die Legende, der Fußball Gott himself wurde eingewechselt: Jefferson Farfan! Aber auch unsere Schalker Legende, die etwas zugenommen hat, konnte das Ruder nicht mehr rumreißen. So blieb es beim 0:2. Zwischendurch gab es noch Schlägereien im Block, die zu Polizeieinsätzen in der Kurve führten, alles sehr wild. Nach Abpfiff supporten die Fans alle nochmal übertrieben laut ihr Team, es gab keinen einzigen Pfiff oder Beleidigungen… in der Bundesliga wäre so etwas unvorstellbar. Schade, dass heute kein Tor für Allianza gefallen ist, die Stimmung wäre glaub ich unfassbar gewesen. Nun ja, man kann nicht alles haben, das war auch so schon sehr beeindruckend.
Leider war es das dann auch schon mit dem Fußball in Peru, da die Ansetzungen alle etwas ungünstig waren. Die nächsten knapp 2 Wochen wurden genutzt, um nach Cusco zu fliegen und sich Machu Picchu und den Regenbogen Berg anzuschauen, beides ist definitiv zu empfehlen. Danach ging es mit dem Bus weiter nach Puno zum Titicacasee, um von dort nach drei Nächten weiter mit dem Bus nach La Paz (Bolivien) zu fahren.